ARCHAEOLOGE IN ATMOSPAERISCHEN FARBLANDSCHAFTEN

Auf Initiative von Christiane zu Salm, About Change Collection: Ein Gespräch zwischen Christiane Rekade und Christian Awe, Mai 2009

In der Doppelausstellung „Abstrakte Welten“ in der Galerie Berlin Art Projects werden zurzeit Deine Arbeiten gemeinsam mit Werken von Sam Francis gezeigt. Diese Kontextualisierung wirft ein neues Licht sowohl auf Deine Arbeiten als auch auf die von Sam Francis. Worin liegt für Dich die Aktualität seiner Arbeiten?
Sam Francis’ Arbeiten sind dynamische Bildwelten von leuchtender Farbigkeit. Seine individuell gestische Malweise, das Abstrakt-Expressive und vor allem die enorme Lust am Experimentieren machen die Arbeiten für mich aktuell.

Wie wichtig sind das Abstrakte und Expressive in Deinen Arbeiten?
Bereits in meinen figurativen Arbeiten war ich ja im Detail abstrakt. Für mich liegt das zu Erkundende der Malerei im Spannungsfeld von Figuration und Abstraktion. Das Expressive spiegelt für mich dabei meine individuelle Handschrift und derzeitigen Gefühle wider.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten Deiner Serie „Underground Paintings“. Woher kommt der Titel der Serie?
Zum einen habe ich bereits im Alter von 11 Jahren mit Graffiti und Street Art angefangen, ich komme also aus dem kreativen „Untergrund/Underground“ der Kunstszene, zum anderen sind meine neuen Arbeiten auf PVC gemalt, ja Bodenbelag/Untergrundmaterial als Träger meines künstlerischen Schaffens. Die Verbindung aus beiden ergab für mich diesen, wie ich finde, griffigen Titel der Serie. Das PVC hat dabei den Vorteil, dass die Farbe mehr auf der Oberfläche steht, sie wird leuchtender – Graffiti ähnlich. Auch bestimmte technische Dinge wie das Schneiden mit dem Holzschnittmesser sowie leicht schräge oder in den Raum gewölbte Formate sind mir mit diesem Material möglich.

Deine Arbeiten entstehen durch Schichtungen von Materialien und Farbe. Diese Schichten legst Du anschließend durch Abschaben und Auskratzen wieder frei. Geht es Dir dabei um Verdecken und Freilegen?
Meine Bilder bestehen aus bis zu 15 übereinander liegenden Farbschichten. Mitunter sind die aufgetragenen Farben so flüssig, dass sie tagelange Trocknungszeiten haben. Durch meine spezielle Technik des Rauskratzens / Auswaschens hole ich tiefer Liegendes wieder ans Tageslicht. Dabei entstehen feinste Farbmischungen, neue Formen und Farbzusammenstellungen. Ich lade jeden ein, sich meine Bilder einmal live für längere Zeit genauer zu betrachten. Wie beim Blick in die Wolken beginnt das Gehirn, Dinge, Formen und Figuren zu assoziieren.

Das erinnert mich an Street Art – wo Tags und Graffitis, aber auch Plakate und Sticker immer wieder übereinander geklebt und gemalt werden. Da fallen mir auch zum Beispiel die Arbeiten von Klara Liden ein, die Poster, die immer wieder übereinander geklebt wurden, von den Mauern nimmt und sie ausstellt. Was bedeutet Dir das Schichten?
Das fühlt sich manchmal so an, als wäre ich mein eigener künstlerischer Archäologe. Ich stöbere in den atmosphärischen Farblandschaften, Rinnsalen und materiellen Erhebungen. Dabei lege ich lang Verschollenes fein säuberlich wieder frei und präsentiere es der Öffentlichkeit.

Du bist – wie viele KünstlerInnen Deiner und auch meiner Generation – über Street Art und Graffiti zur Kunst gekommen und hast zum Teil die Techniken der Street Art auf die Leinwand übertragen. Was haben die unterschiedlichen Materialen und Techniken, die Du benutzt, für eine Bedeutung in Deiner Arbeit?
Es ist ein fortwährendes Experiment und eine Weiterentwicklung meiner künstlerischen Fähigkeiten. Die Kombination teils ungewöhnlicher Materialien wie z.B. selbst hergestellte Acrylfarbe, Tusche, verschiedenste Sprühlacke, Stencil, Marker, Buntstifte, Wachsölpastelle u.v.v.m. ermöglicht mir eine differenzierte Arbeitsweise. Ich erschaffe mir ein Lernfeld, das mir ermöglicht, Werke mit höchstmöglicher Leuchtkraft, mit satten Kontrasten, sanften Nuancen und differenzierten Oberflächenstrukturen entstehen zu lassen.

Deine „Underground Paintings“ malst Du auf PVC und ziehst sie dann aber auf Leinwand auf. So bleibt bei aller Materialvielfalt der Untergrund klassisch. Wie siehst Du das Verhältnis zwischen der Straßensituation und dem Ausstellungsort?
Eine Aufhebung der Grenze zwischen Straße und Ausstellungsraum fände ich wünschenswert. So lange wir aber in den meisten Galerien bzw. Ausstellungsorten eine White Cube Situation haben, wird die Straße vor dem Aus­stellungsraum bleiben. Street Art funktioniert besser im Urbanen, vor allem als künstlerische Intervention und Überraschungsmoment.

Deine Malerei hat durch ihre extreme Farbigkeit und die bewegte Oberflächenstruktur eine starke Präsenz, sie springt buchstäblich ins Auge. Darüber hinaus transportieren die Bildtitel oft eine Botschaft. „Brennen für Deutschland“ oder „Culture Deportation“ sind eindeutige Hinweise auf eine politische Bedeutung. Die Botschaft ist Dir sehr wichtig, doch ist sie nicht auf den ersten Blick zu lesen – man muss sich durch die Schichten Deiner Bilder hindurcharbeiten, um auf diese zu stoßen. Die Titel sind wie eine weitere Schicht?
Ja, so kann man es sehen. Ich finde es spannender, wenn man als Künstler nicht alles zu offensichtlich darstellt, sich ein kleines Geheimnis bewahrt. Alle meine Bilder sind autobiografischer Natur und viele meiner figürlichen Arbeiten haben einen versteckten sozialkritischen Inhalt. Mit Bildtiteln wie „Treibgut“, „verschwende Deine Zeit“, „Ways of Life“, „Being“, „Meeting Freedom“ und „Das gute Leben“ gebe ich lediglich dem Betrachter Denkanstöße. Gern stehe ich in persönlichen Gesprächen Rede und Antwort.

Du hast Sport und Kunst studiert. Sport und Bewegung spielen eine wichtige Rolle in Deinen Bildern: Wie beispielsweise in der „Springer“ Serie und in der Installationsarbeit „Struggle“. Gleichzeitig sind der Kraftaufwand und Körpereinsatz des malerischen Entstehungsprozesses förmlich zu spüren. Wie wichtig ist dieser physische Aspekt in Deiner Arbeit?
Körperliche Bewegung ist für mich physisch wie psychisch ein wichtiger Ausgleich zum Künstlerdasein. Die Kunst- und Sportwelt überschneidet sich kaum. In meinen Bildern selbst versuche ich, eine gewisse Rhythmik, eine ausgewogene Kombination von schwungvollen Linien, Formen und Farben darzustellen. Ich hoffe immer, dass meine Intensität noch zu spüren ist, wenn das Bild auf sich selbst gestellt ist.

Du bist einer der wenigen Künstler, die in Berlin geboren sind und auch hier leben. Wie hat Dich die Stadt geprägt, prägt sie Dich immer noch?
Berlin ist eine sich ständig im Umbruch befindende Stadt. Sie ist die Schnittstelle der verschiedensten Lebenswelten, sehr ähnlich Eurem Collage Ansatz der About Change, Collection. Neben vielen Ausstellungen ist Berlin momentan auch die Welthauptstadt der zeitgenössischen Kunstproduktion. Die Stadt ist sehr ambivalent, jeder kann hier nach seiner Fasson glücklich werden. Hier lebt Arm neben Reich, keinen stört die sexuelle Orientierung des anderen und es gibt noch immer kreativen Freiraum, den es zu bewahren gilt!

Wer hat Dich außer Deinen beiden Professoren Georg Baselitz und Daniel Richter geprägt?
Inspiriert und geprägt wurde ich von meiner Umgebung, Freunden und Familie, den vielen Reisen, zeitgenössischer Kunst, Graffiti, Basketball, Hip Hop Musik, sozialen Missständen, offenen und kreativen Menschen und Querdenkern. Die Straßen Berlins waren und sind für mich kreativer Lehrmeister.

Christiane zu Salm ist Kunstsammlerin.
Die About Change, Collection macht Sie seit 2007 in den Räumen am Kupfergraben in Berlin öffentlich. Christiane Rekade ist Kuratorin der Sammlung.


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