„Awe und Francis“

von Dr. Ulf Küster, Kurator / FONDATION BEYELER
Katalog Text „Abstrakte Welten – Sam Francis/Christian Awe“ Berlin Art Projects 2009

Wenn man sich mit Christian Awe unterhält, dann nimmt einen sogleich der unbekümmerte Charme dieses Künstlers gefangen: Spricht hier ein Simplicius Simplicissimus der Malerei, der fast zufällig in das große Abenteuer Kunst gestürzt ist? Awe stammt aus der früheren DDR, aus Berlin-Lichtenberg, und war elf Jahre alt, als die Mauer fiel. Das Graue des real existierenden sozialistischen Alltags wandelte sich in das Vakuum der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Was mit sich anfangen, wenn die verordnete Alltagsstruktur endgültig wegfällt? Was tun auf der Straße? Wohin mit der Kreativität? Basketballspielen (genauer gesagt „Streetball“; Awe war sogar einmal Deutscher Meister) und die üblichen „Sachen“ ausprobieren. Wobei wir lieber gar nicht so genau wissen wollen, welche „Sachen“ wie ausprobiert wurden: War es da nicht geradezu ein Segen, dass es für den erwünschten „Kick“, den ersehnten Nervenkitzel, die gute alte Farbsprühdose gab? Das Vakuum, das Grau, das musste gefüllt werden mit Farbe und Geste, schnell, denn es war (und ist) ja verboten, wenige Sekunden und schon ist das Bild fertig, da mussten eben Bahngebäude und Eisenbahnwaggons dran glauben.

Eine besondere Beziehung zu Kunst habe es bei ihnen zu Hause nicht gegeben. Der Weg zur Malerei begann mit dem Sprühen von Graffitis, und dafür war das Berlin der 90er Jahre die richtige Bühne. Die Schule wird beendet und ein Beruf angestrebt, der genau das vereinigt, was Graffiti besonders charakterisiert: Farbe und Schnelligkeit, also die Fähigkeit, schnell verschwinden zu können. Christian Awe will Kunst- und Sportlehrer werden. Er bewirbt sich an der Hochschule der Künste in Berlin, wird Schüler bei einem Künstler, von dem er versichert, ihn vorher nicht gekannt zu haben, man kann es kaum glauben: Georg Baselitz. Er gibt den Wunsch auf, Lehrer zu werden, widmet sich ganz der Kunst und wird schließlich Meisterschüler von Daniel Richter, bei dem er seinen Abschluss macht.

Was vom Graffiti geblieben ist, sind die großen Formate, die Rasanz des Farbauftrages oder zumindest der Eindruck, die Bilder seien so entstanden, überhaupt die leuchtenden Farben. Beschäftigt man sich mit seinen Bildern genauer, stellt man schnell fest, dass der Arbeitsprozess sehr viel gründlicher ist; dem ersten Blick sollte man nicht immer vertrauen. Nicht nur, dass die verwendeten Farbmaterialien sehr unterschiedlich sind: Sprühlacke, Acrylfarben können mit Tusche und Wasserfarben kombiniert werden, Kritzeleien mit Eddingstiften und Wachsölpastellen können aufgebracht und mit dem Messer wieder abgeschabt und herausgekratzt werden.

Unterschiedliche Alltagsmaterialien und Fundstücke werden, in Pollockscher Manier, verarbeitet, Stofffetzen, Kartons, Servietten und Gardinen, die, wenn man über sie sprüht, regelmäßige Musterfragmente auf der Bildoberfläche hinterlassen. Zur Zeit wird auf PVC gemalt, das auf Leinwand aufgebracht wird. Durch das PVC würden die Farben mehr leuchten, sagt der Künstler, und einige der Bilder werden plastischer: So erscheint z.B. das Werk „Being“ konkav, etwa in der Art „umgekehrter“ Farbraumkörper Gotthard Graubners.

Awes Bilder oszillieren zwischen Figuration und Abstraktion; für seine Generation gibt es natürlich keine Entscheidung für die eine oder andere „Richtung“. Seine Figuren, deren oft weiße Konturen durch Auslassungen und Auskratzungen entstehen, was sie sehr distanziert erscheinen lässt, scheinen den Hochglanzfotografien der Sportwelt schöner Körper zu entstammen. Sie wirken fast ebenso „abstrakt“ wie die „Splish-Splash“-Farbwogen auf den anderen nicht figurativen Bildern, deren eines nicht umsonst „IASUKOH“ heißt, also „HOKUSAI“ in der Gegenrichtung gelesen – der japanische Künstler des frühen 19. Jahrhunderts, dessen „Woge“ so etwas wie die „Modell-Welle“ der Moderne geworden ist. Zur Zeit scheinen bei Awe die nicht figürlichen Arbeiten zu dominieren, und da liegt es nahe, sich ein bisschen umzuschauen und nach Vergleichbarem zu suchen: Die (scheinbare) Beschränkung auf Geste und Material ist ja keine Erfindung unserer Zeit, und so ganz unbekümmert ist Awes Tun natürlich auch nicht: Die Idee des Abstrakten Expressionismus und des Informel, der dominierenden Kunstströmungen der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, beruht darauf.
Die Kombination und Konfrontation von Awes Bildern mit Bildern Sam Francis’ erinnert daran und hat, bei aller Gewagtheit des Vergleichs, etwas sehr Bezwingendes. Es ist das, was Harold Rosenberg „Action Painting“ genannt hat, dieses Spiel mit der Bewegung und den Farben, die sich auf dem Malgrund abbilden: Zeit, Bewegung und Raum werden eins.

„Action Painting“ war eine Kunst des Neuanfangs, der Stunde Null nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, es war die radikale Konzentration auf das Essentielle der Malerei. Sam Francis war ein typischer Vertreter dieser Richtung, wenn er auch zu der Generation gehörte, die den Neuanfang zwar mitgestaltet hat, sich aber immer einer Tradition bewusst war, in die sie sich eingebunden fühlte. Francis (1923-1994), der eigentlich Arzt werden wollte, wurde als Soldat im 2. Weltkrieg bei einem Flugunfall schwer verletzt und musste danach lange Zeit in einem Gipsbett auf dem Bauch liegen. In dieser Position begann er auf Papierbögen zu malen, die auf dem Fußboden lagen. Das Blicken von oben, worauf sein Werk beruht, ist später auch mit dem Blick des Fliegers aus der Höhe auf die Erde in Verbindung gebracht worden. Francis ging 1950 ins „Alte Europa“, nach Paris, wo die Begegnung mit dem radikalen Spätwerk von Henri Matisse, vor allem aber die Seerosenbilder Claude Monets, die „Nymphéas“, für ihn wichtig wurden, diesen gewaltigen, immer noch streng figurativen Farbkompositionen des fast erblindeten Malers im Garten von Giverny.

Ist die Wende von 1989 eine „Stunde Null“ unserer Zeit gewesen, die der „Stunde Null“ von 1945 gleicht? Vielleicht mehr, als wir bisher wahrzunehmen bereit sind. Jedenfalls hat Kunst offenbar immer wieder das Bedürfnis, sich ganz auf sich selbst zu besinnen, und immer kann ihre lange Tradition – sie geht bestimmt bis zu den Höhlenbildern von Lascaux – nicht ganz ausgeblendet werden. Christian Awes Bilder, die zunächst so ganz „heutig“ zu sein scheinen, es aber im Vergleich mit einem der Großen der Moderne gar nicht all zu sehr sind, zeigen wieder einmal, was Malerei kann, wenn sie sich auf sich selbst beschränkt.

Dr. Ulf Küster
Kurator / FONDATION BEYELER

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