DIE BEFREIUNG DER GESTE

Das Versprechen der ersten Malergeneration des Abstrakten Expressionismus war groß: Nichts weniger als die Befreiung der Malerei durch die freie, spontan auf die Leinwand übertragene Geste verhieß es. Keine Vorzeichnung, keine akademische Bindung, die reine Malerei auf einem Bild, das kein oben oder unten kennt und erst recht keine Grenze. Auf dem Boden liegend, von allen Seiten her angegangen, sollte das Bild Ausdruck des reinen Gefühls sein, ein Psychogramm in Farbe, etwas, das die Persönlichkeit seines Herstellers getreu abbilden sollte. Es war eine doppelte Versprechung einer inneren wie äußeren Befreiung. Die nach innen gerichtete Versprechung wandte sich der Malerei selbst zu, deren Grenzen nach Jahrhunderten sich stetig verfeinernder Fähigkeiten erreicht schienen. Mit der von Werner Haftmann 1954 propagierten ‚Weltsprache der Abstraktion‘ und deren Ziel, das Unsichtbare sichtbar zu machen, eröffnete sich der Kunst ein Kosmos neuer Möglichkeiten. Die äußere Befreiung war die erstaunliche Parallelität der künstlerischen mit der gesellschaftlichen Befreiung im Gefolge des 2. Weltkrieges. Was nach dem 1. Weltkrieg eine Befreiung der Eliten war, wurde nun in den 1950ern in der Breite und demokratisch erprobt. Und ebenso demokratisch entwickelte sich die Weltsprache Abstraktion, deren Höhepunkt die ausgehenden 50er-Jahre waren. Die missionarische Euphorie der ersten Generation gestisch-abstrakt malender Künstler klingt im folgenden Jahrzehnt aus, das Ende des Stils führt zum heroischen Postulat des ‚Endes der Malerei‘.

Seit der Jahrtausendwende lässt sich nun die Rückkehr der gestischen Abstraktion deutlich erkennen, zu deren herausragenden Exponenten Christian Awe gehört. Seinem Werk würde Werner Haftmann mit Sicherheit die freundlichsten Blicke zuwerfen, zeigt es doch die Vitalität und Ausbaufähigkeit der ‚Weltsprache’ fünfzig Jahre nach deren vermeintlichem Verlöschen. Christian Awes Malerei gelingt etwas auf den ersten Blick Unmögliches: Die Zusammenführung des Schlüsselmotives des Abstrakten Expressionismus, der spontan gemalten Geste mit kühl komponierender Analyse. Christian Awes Arbeiten vereinen beides, indem beides übereinander geschieht. Seine Malerei entsteht in einer Vielzahl von übereinandergelegten Malschichten, die unterschiedliche Elemente, vom gesprayten Graffiti bis zur klassischen Pinselbewegung, vereinen. Dem Aufbau der Schichten wird deren unmittelbar folgende Abnahme entgegengestellt, Abrisse, deren Form die gemalte Geste paraphrasieren. Der Unmittelbarkeit der Geste wird also eine kalkuliert betriebene, aus der Entfernung von Malschicht entstehende Form gegenübergestellt, Spontaneität und Kalkül finden in derselben Arena statt, die Formfindung erhält einen positiven und einen negativen Aspekt, dessen Ergebnis Bilder sind, deren innerer Konflikt erst auf den zweiten Blick aufscheint. Die an Street Art anklingende Buntheit seiner Bilder verleitet zum vorschnellen Schluss einer sich über seinen Bildern austobenden Schaffenswut, ein Trugschluss, der sich angesichts der archäologischen Schichtung seiner Arbeiten beim genauen Hinsehen auflöst. Christian Awe ist sich sowohl der Traditionslinie bewusst, auf die seine Kunst aufbaut, als auch der Notwendigkeit eines belastbaren malerischen Konzeptes, das sowohl seine eigene Sprache zulässt als auch entwicklungsfähig genug ist, um mit dieser Sprache zu immer neuen Ergebnissen zu kommen. Seine Arbeiten der letzten Jahre zeigen, dass er beides im prüfenden Blick hat und dabei in der Lage ist, eine sinnliche, ausgelassene und vielschichtige Malerei zu zelebrieren.

Alexander Klar

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