Zwischen Aufbruch und Tradition — die abstrakten Bilder von Christian Awe

Die gesprühten, geklecksten und übereinander geschichteten Ab­straktionen von ­Christian Awe, welche Graffiti und action-painting zu abstrakt expressiven Werken vereinen, zeichnet heitere Verspieltheit, vitale Ungebundenheit, berstende Jugend und die Dynamik modernen Fortschritts aus. Sie, die in ihrer Bildrhythmik und im all-over auf den nach 1945 entstandenen Werken Jackson Pollocks basieren, verbinden konzeptuelles sowie experimentelles Vorgehen, künstlerisches Kalkül und Zufall zu bewegten Kompositionen.

Kunsthistorische Bezüge sind gewollt, gleichzeitig setzt sich Awe mit erfinderischer Leichtigkeit über sie hinweg. So setzt er anstelle des theosophisch-esoterischen Gehalts der Werke Wassily Kandinskys, des Ahnvaters aller Informellen, die Freiheit des sich im Bildherstellungsprozess explosiv entladenden emotionalen Ausdrucks. Dieser ist wiederum als kompromisslose Fortführung des psychischen Automatismus der Werke Jackson Pollocks zu betrachten.

Die sanften Nuancen sowie die satten Kontraste seiner abstrakten Sprühbilder haben ihre Wurzeln in der Street Art, mit der er bereits als 11-Jähriger begann und der er sich als Jugendlicher in Berlin-Lichtenberg im Kreis von wagemutigen Sprayer-Freunden leidenschaftlich hingab. Seine vorwiegend großformatigen, die Tradition des Sprühens fortführenden Bilder der letzten Jahre erstrahlen in „höchstmöglicher Leuchtkraft“ (Awe). Sie zeichnen sich durch eine Künstlichkeit aus, die in der Glut der Farben und in der Glätte der gesprühten Oberflächen Assoziationen zu kalten Kunststoffwelten, Aufmerksamkeit heischender Leuchtreklamen, dem schönen Schein von Hochglanzfotografien sowie zu blitzenden Metallen erzeugen. Awe lebt in Berlin. Auch das ungebremste Treiben dieser pulsierenden Großstadt, ihre Hektik und vibrierende Vitalität, ihr schnelllebiges, lautes, aggressives und dynamisches Leben haben Spuren in ihm und seiner Kunst hinterlassen.

Zunehmend hat er sich der Leichtigkeit der Werke von Sam Francis angenähert. Auch diesem geht es weniger um expressive oder gar mystische Aussagen, sondern vorrangig um eine heiter psychedelische Bildwelt. Beide beziehen explizit das Arbeiten mit Lücken ein und betrachten Form und Grund als nahezu gleichberechtigt. Letztendlich geht es jedem von ihnen um die Einheit farblich-formaler Schönheit und Bewegung, welche Vitalität aber auch das Bewusstsein von Auflösung und Vergänglichkeit ausstrahlen.

Bildtitel wie „Meer aus Farben“ und „Cap d’Antibes“ lassen erkennen, dass Awe auch mit direkten Natur- bzw. Landschaftsbezügen arbeitet. Das Bild „Graffiti Summer Feeling“ von 2010 lässt im flirrend-atmosphärischen Awe-Sprühstil die Assoziation an ein Weizenfeld unter blauem Himmel zu, welches eine zitathafte Anspielung auf van Goghs „Kornfeld mit Krähen“ von 1890 enthält. Es sind gerade solche leisen kunsthistorischen Bezüge, welche seine Arbeiten verankern und ihnen etwas Besonderes verleihen. Auf den Bildern „Sommernachtsflimmern“ und „Gift from Berlin“ drücken schwebende, sich farblich deutlich vom Hintergrund abgrenzende Farbformen beschwingte Losgelöstheit von aller Erdbezogenheit aus, ein Ausdruck, der im Spätwerk von Henri Matisse und Wassily Kandinsky eine zentrale Rolle spielt.

Denn wie Kandinsky mit seinen organisch heiteren Formen der 1940er Jahre und wie Matisse in seinen zwischen 1947-51 entstandenen gouaches découpées erzeugt Awe in lyrischen Werken wie „fairy tale“, „eternity“, „together“ und in jüngster Zeit entstandenen Werken wie „spring fever“ und „Starshine“ den Eindruck von beschwingten abstrakten Meeres- bzw. Luftwesen. Es sind ekstatische Lebensfreude suggerierende Bilder, die von mitreißender Emotionalität, von Schwerelosigkeit, Ungebundenheit und Glück zeugen, was sich auch in den Titeln ­manifestiert. Sie lassen ferner den Bezug zum legendär gewordenen Sprung des Künstlers vom Zehnmeterturm zu, der die Entscheidung Awes nach sich zog, Kunst zu studieren. Die detailscharfen und in Balance gehaltenen Gebilde seiner Arbeiten fügen sich zu einem geordneten Chaos. Sie sind nicht nur von aller Erdenschwere befreit, sondern sie bewegen sich auch in einem Bildraum, welcher kos­mische Tiefe suggeriert.

Awes Bilder sind durchdrungen von temperamentvollen musikalischen Rhythmen. Dies verwundert nicht, weil der Künstler während des Arbeitens das breite musikalische Angebot zwischen klassischer und elektronischer Musik verinnerlicht. Dabei findet der Bildherstellungsprozess um das Bild herum agierend, unter Einsatz seines ganzen Körpers statt. Mit ihren künstlichen Farblichteffekten spiegeln die meist großformatigen Werke Christian Awes Lebensgefühle der Hip Hop-­Generation wie Freiheit, Unangepasstheit und Revolte wider.

Der Bildherstellungsprozess hat einen ausgeprägten handwerklich-experimentellen Charakter. Awe sprüht Farbschicht für Farbschicht, früher auf PVC, heute auf Leinwand. Er verwendet Sprühlack und ­Acrylfarben, Tuschen und Wasserfarben, Eddingstifte und Wachsölpastelle. Er sprüht, gießt und schabt seine Farben zu Bildern, welche Malerisches und Zeichnerisches miteinander verbinden. Intuition und Zufall spielen dabei eine ebenso ent­scheidende Rolle wie die verstandesmäßige Kontrolle während des Bildherstellungsprozesses. Seine Bilder weisen bis zu 15 Farbschichten auf, die er analog zu den cut-outs von Jackson Pollock stellenweise offenlegt, indem er die Farbhaut abreißt oder Farbstücke regelrecht herausschält. Er erweitert damit den additiven Bildaufbau durch den subtraktiven und deckt das Dahinter, er deckt verborgene Schichten auf, was den Bildern eine geringfügig reliefartige Struktur und einen Hauch von Geheimnis verleiht.

Auch wenn jede Farbschicht eine materielle Erhebung bedeutet, ist die Materialität der Farbsubstanz stark zurückgenommen. Die Farben treten nicht wie bei Pollock in schlierenhaften Spuren relief- bzw. krustenartig in Erscheinung, sondern verdichten sich aufgrund ihrer Lack-Künst­lichkeit zu einer hermetisch abgeschlossenen Bildfläche, die trotz oftmals glühender Farbgebung von unterkühltem Charakter ist. Indem der Künstler seine Bilder auf Leinwand sprüht, vollzieht er einen nahezu symbolischen Akt, mit welchem er die Ursprünge seiner Kunst, die Street Art, für die Kunst, den Kunstmarkt zu bändigen scheint.

Awe steigert auf seinen Bildern Farbschönheit und die Dynamik der Formen zu einem Schwebezustand einer mal furiosen, mal sanften malerischen Energie. Hierdurch sprengt er persönliche und artifizielle Zwänge, wodurch sich sein unbändiger Willen nach Selbstbehauptung und radikalem Selbstausdruck als eigentlich treibende Kraft seiner Malerei entlarvt.

Betrachtet man den Abstrakten Expressionismus als Siegeszug der gestischen Malerei, die sich direkt aus dem Unterbewusstsein des Künstlers über die Hand eruptiv auf der Bildfläche entlädt, dann wird deutlich, dass er zwar den Pinsel gegen die Sprühdose getauscht hat, sich aber umso mehr Spontanität, Intuition und Improvisation erhalten hat. Mit der Sprühdose hat er sich den für ihn typischen Ausdruck erworben, welcher die Farben des Hintergrunds zum Changieren, Glimmen und Leuchten bringt, während unregelmäßige schriftähnliche Wirbel oder organische cut-outs, ihr stets wandelbares, nicht festgelegtes Sein artikulieren.

Christian Awes unwirkliche und poetische Bildräume sind von unergründlicher Tiefe. Mit ihnen verbindet er Gegensätze wie Tradition und Aufbruch, wuchtvolle farbliche Präsenz und Geheimnis, glatte Sprühlack-Künstlichkeit und Emotionalität. Mit seinem zwischen Informel und Graffiti anzusiedelnden Bildausdruck hat er ein ihm wichtiges Ziel, die Überwindung der Grenze zwischen Straße und Ausstellungsort, erreicht.

Aloisia Föllmer


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